the radical in friendship

folgender Text (als Plakat aufgehängt) und die anschliessenden Fragen (auf kleine Zettel ausgedruckt auf den Tischen verteilt) setzten den Rahmen für die gleichnamige Episode cooking for comrades, die im Dezember 2015 im Lehrerzimmer Bern stattgefunden hat.

Das Radikale an Freundschaft.
Freundschaft ist das Radikalste, was in einer kapitalistischen Gesellschaft existieren kann.Das klingt krass. Schliesslich ist Freundschaft nichts Aggressives – und Aggression ist etwas, das wir mit Radikalität verbinden. Radikalität bedeutet, dass mensch sich so stark wie möglich vom herrschenden Diskurs, von einem gesellschaftlichen Müssen befreit und einen anderen, neuen Weg sucht. Wer an den Fesseln der Gesellschaft rüttelt, wird gewalttätig, verursacht Konfrontation. Und wer ist dieser radikale, konfrontierende Mensch?
Unser übliches Bild beinhaltet einen Mann Mitte Zwanzig. Wir sehen ihn auf Podien stehen und diskutieren. Wir sehen ihn Steine schmeissen, ganz der von den Rolling Stones besungene Street Fighting Man. Er erscheint in dunklen Hinterzimmern und erteilt seinen Mitstreitenden Befehle.
Er hält Reden auf grossen Demonstrationen. Er hat Stil, Grandezza, Kraft, Charme, Mut und Intelligenz. Er ist Teil einer grossen Bewegung – und doch ihr Anführer. Der klassische Revolutionär ist ein einsamer Wolf, die personifizierte Avantgarde. Und er ist ein Bild aus dem frühen 20. Jahrhundert. Er ist ein Popstar. Er ist cool.
Dieser Radikale ist kapitalistisch, patriarchal, individualistisch. Dieser Radikale ist der Einzelkämpfer, der mit seiner Idee gegen die anderen Ideen antritt und gewinnen will. Er braucht andere, die für ihn arbeiten. Dieses Bild des Radikalen entspricht unserem gesellschaftlichen Denken: Konkurrenzkampf, Eigenbrötlerei, Hierarchien. Wenn wir diesem Denken etwas entgegen setzen wollen, können Einzelkämpfer_innen nichts bewirken.

Das Radikale an Freundschaft.
Freundschaft heisst, Coolness und Zynismus abzulegen und sich für andere Menschen zu interessieren.
Freundschaft durchbricht die eigenen Denkmuster, weil wir uns mit einem Gegenüber über lange Zeit und immer wieder auseinandersetzen.
Freundschaft kennt keine Hierarchien.
Freundschaft hebelt den Wettbewerb aus.
Freundschaft braucht keinen gemeinsamen Feind, um zu bestehen.
Freundschaft heisst verzeihen.
Freundschaft heisst Solidarität, Mitgefühl und Liebe.
Freundschaft meint, dass wir nichts alleine durchstehen müssen. Und überwinden sowieso nicht.
Freundschaft heisst, sich selbst zurücknehmen für das, was zwischen und aus den Befreundeten entsteht.
Und, wie es ein Freund von mir gesagt hat: Friendship is the radical notion that all people have feelings.

In diesem Sinne: Bildet Banden! Immer noch und immer wieder.

Wo liegt für dich die Grenze zwischen einer guten Freundschaft und einer (Zweier)Beziehung? Glaubst du an die eine, grosse, ewige Liebe? Wann hast du deinen Freund_innen zuletzt gesagt, dass du sie liebst?

Wem würdest du dein Leben anvertrauen? Was müsste ein_e Freund_in tun, um dein Vertrauen zu verlieren? Was braucht es, damit du verzeihst?

Fühlst du dich Teil des Erfolgs, wenn deine Freund_innen etwas Tolles gemacht haben? Wann wirst du neidisch? Wann lügst du deine Freund_innen an?

In welchen Situationen fragst du um Hilfe? Wen? Wann bietest du Hilfe an? Wem? Hast du auch manchmal Angst davor, andere Menschen um etwas zu bitten? Woher?

Welche Dinge willst du ausschliesslich alleine machen und warum? Welche Gegenstände willst du niemals teilen? Warum brauchst du ein eigenes Zimmer?

Was muss passieren, damit du eine zuvor fremde Person ins Herz schliesst? Wie gut musst du jemenschen kennen, um offen und interessiert an ihrem/seinem Leben teilzuhaben? Wann und wie unterstützt du Menschen aus demselben Umfeld in ihren Vorhaben? Wann und wie bekämpfst du sie?

Wie berührst du eine Freund_innen? Kuschelt ihr oft? Wie möchtest du deine Freund_innen berühren? Gibt es Begehren zwischen euch? Was unterscheidet ein intensives Gespräch von Küssen?